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17.11.2015  Antrag

Antrag Land: Kulturelle Teilhabe, kreative Potentiale und Kulturarbeit von und mit Flüchtlingen als Chance und Herausforderung nehmen

Antrag der Fraktionen Bündnis 90/DIE GRÜNEN und der SPD


Tagtäglich suchen viele Flüchtlinge auch in Bremen Schutz vor Krieg, Verfolgung und wirtschaftlicher Not. Neben einer angemessenen Versorgung mit Wohnraum und einer Brücke in den ersten Arbeitsmarkt, ist der schnelle Erwerb der deutschen Sprache unabdingbar für gesellschaftliche Teilhabe. Dies muss daher prioritäre Aufgabe der Kulturpolitik sein.

Kultur kann darüber hinaus aber mehr und umfassender zur Integration beitragen. Kulturprojekte bauen vor Ort Brücken zwischen den Menschen und fördern die Integration und Aufnahme der in Bremen ankommenden Flüchtlinge in den Stadt-teilen. Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur bietet die Chance, sich mit ihrem kreativen Potential in der neuen Heimat einzubringen. Zudem bringt die gemeinsame künstlerische Aktivität Menschen unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft einander näher und trägt zum besseren Verständnis des Schicksals der Flüchtlinge bei. Indem Flüchtlinge kulturelle Aktivitäten wie Tanz-, Theater- und Kunstprojekte mitgestalten, können sie Netzwerke knüpfen, ihre Sprachkenntnisse verbessern, mobiler werden und spüren, dass sie mit ihren Fähigkeiten etwas beitragen können. Flüchtlinge bringen aus ihrer Heimat ihre Fähigkeiten, ihr kreatives Potential und ihre Kultur mit nach Bremen. Die Entwicklung eigener Kreativität fördert das Selbstvertrauen und wirkt sich positiv auf die soziale Entwicklung und seelische Gesundheit aus. Beispielgebend ist das in Bremen gegründete syrische Exilorchester „Syrian Expat Philharmonic Orchestra“, das im September sein erstes, vielbeachte¬tes Konzert gegeben hat.

Dabei steht die große Frage im Raum, wie und auf welche Weise diese Menschen als Partner und Partnerinnen für kulturelle Teilhabe verstanden und angesprochen werden – eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die für den Kulturbereich im Sinne eines Entdeckens von kulturell diversen Ideen, ästhetischen Impulsen und vielfältigen Formen transkultureller Partizipation Chancen bietet.

Bislang zeigt sich, dass häufig kulturelle Projekte und Ansätze „über“ Flüchtlinge sprechen, diskutieren, debattieren oder „für“ Flüchtlinge Veranstaltungen geplant und durchführt werden. Ein umfassend integrativer und transkultureller Ansatz muss auf einem zeitgemäßen „Audience Development“ beruhen, bei dem es darum geht, Menschen Selbstorganisation und Selbstrepräsentation zu ermöglichen. Das heißt, darüber hinauszugehen, für Bestehendes neue Zielgruppen gewinnen zu wollen. Es geht um die Offenheit, das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen und den Mut zu haben, über künstlerische Positionen und Qualität zu streiten. Kultur und Kunst prägen das Bild Bremens, steigern die Attraktivität und Bindung der Menschen an ihre Stadt und stärken nicht nur nebenbei den Wirtschaftsstandort. Aber die Theater, Orchester und Museen, die Stadtbibliothek, die Volkshochschule, die Musikschule, die Bürgerhäuser, das Kommunalkino, die freie Kunstszene und die verschiedenen Kulturprojekte – kurzum: die Kulturschaffenden, Musiker und Musikerinnen, Künstleinnen und Künstler – tun weitaus mehr als das. Kunst und Kultur beeinflussen mit ihren Impulsen viele gesellschaftliche Bereiche, wirken als Wegbereiter für neues Denken, eröffnen Bildungswege und -chancen, tragen wesentlich zur Lebensqualität in unseren Städten bei und ermöglichen nicht zuletzt Teilhabe an der Gesellschaft.

Demokratische Gesellschaften brauchen auch und gerade in Phasen des gesell-schaftlichen Umbruchs die Auseinandersetzung mit Kultur und Kunst. Entscheidende Akteure dieser Auseinandersetzung sind die Künstlerinnen, Künstler und Kultur¬schaffenden.


Die Bürgerschaft (Landtag) möge beschließen:

Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf,

I.    die sprachliche Integration der Flüchtlinge als Voraussetzung für gesellschaftliche und kulturelle Partizipation unter anderem dadurch sicherzustellen, dass die Volkshochschulen dem Bedarf entsprechende, zusätzliche Personal¬ressourcen für Deutschkurse zugewiesen bekommen,

II.    einen vertieften Diskurs der Kulturakteure und der Kulturverwaltung darüber zu initiieren, wie die heutigen Flüchtlinge im Rahmen des „Audience Developments“ zu Nutzerinnen und Nutzern von und Aktiven in kulturellen Angeboten werden können. Über die Zwischenergebnisse dieses Diskurses ist der staat¬lichen Deputation für Kultur anlassbezogen zu berichten,

III.    der staatlichen Deputation für Kultur bis zum Ende des I. Quartals 2016 über die bisher veröffentlichten Detailinformationen hinaus einen zusammenfassenden Bericht darüber zu erstatten,

1.    welche kulturellen Einrichtungen in Bremen und Bremerhaven bereits Kulturangebote mit Flüchtlingen durchführen,

2.    wie das vielfältige Engagement der kulturellen Akteure im Land Bremen gemeinsam mit den Migrantenorganisationen vernetzt und unterstützt werden kann

3.    und wie kulturelle Angebote für Flüchtlinge beworben und ihnen die dazugehörigen Informationen zur Verfügung gestellt werden können.

Darüber hinaus bittet die Bürgerschaft (Landtag) den Senat, den „Bremen-Pass“ für die Stadtgemeinde Bremen weiterzuentwickeln, indem weitere kulturelle Institutionen und Initiativen zur Kooperation bewegt werden, und mit dem Magistrat der Stadt¬gemeinde Bremerhaven die Möglichkeit eines „Kulturtickets“ nach dem Vorbild Bremens zu erörtern.


Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sülmez Dogan, Dr. Maike Schaefer
und Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN



Elombo Bolayela, Björn Tschöpe und Fraktion der SPD