100 Jahre Räterepublik

 

Die Geburtswehen der modernen repräsentativen Demokratie


Dieser Antrag konnte leider nicht eingebracht werden.

 

Im November 2018 jährt sich zum einhundertsten Mal der Zusammenbruch des Kaiserreiches, die Abdankung der deutschen Fürstenhäuser und die Ausrufung der Republik. An vielen Orten und in vielen Betrieben führte der Legitimationsverlust der herrschenden Kreise und der Wunsch nach einem schnellen Ende von Krieg und Chaos zur vorübergehenden Übernahme von Regierungs- und Verwaltungshandel durch Arbeiter- und Soldatenräte. Die ersten freien, allgemeinen Wahlen unter Einbeziehung von Frauen zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und damit die Geburtsstunde der repräsentativen Demokratie auf deutschem Boden jährt sich am 19. Januar 2019.

Der Erste Weltkrieg führte zu einer zu Beginn des Krieges breit getragenen beispiellosen Massenmobilisierung, die Opposition gegen den Krieg reduzierte sich auf den linken Flügel der Sozialdemokratie und wenige pazifistische Kreise. Nach anfänglichen „Erfolgen“ an den Fronten wurde jedoch schnell die Dimension dieses Weltkrieges deutlich.

Im deutschen Kaiserreich wurden 13,2 Millionen Männer, die Hälfte aller Männer zwischen dem 16. und 60. Lebensjahr, zum Wehrdienst eingezogen. Mehr als die Hälfte wurde getötet (2,4 Millionen) oder dauerhaft verwundet (6,3 Millionen). Die „Heimatfront“ wurde einer ungeheuren Belastung ausgesetzt. Der Lebensstandard sank rapide ab. Die endlose Zahl der Todesnachrichten untergrub die anfängliche Durchhaltemoral und die Autorität ihrer Protagonisten aus adeliger Militärkaste und bürgerlicher Oberschicht. Der Sozialisierung der Verluste stand die krasse Privatisierung der Kriegsgewinne gegenüber. Der Klassencharakter der Sozialstruktur und des Herrschaftssystems gewann unter der Belastung des Krieges noch schärfere Konturen. Das lässt sich etwa an der Ungleichheit der Lebensmittelversorgung, an den exorbitanten Unternehmergewinnen, an der Unfähigkeit, sie angemessen zu besteuern, besonders an der Radikalisierung des Imperialismus in der Kriegszielpolitik im Westen wie im Osten ablesen. Dadurch wurden bestehende soziale Spannungen weiter verschärft. Bitter kommentierte Rosa Luxemburg: „Die Dividenden steigen, die Proletarier fallen.“

Im Angesicht der bereits feststehenden militärischen Niederlage weigerten sich die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven der Deutschen Hochseeflotte Anfang November 1918 zu einer letzten auf „ehrenvollen“ Untergang angelegten Schlacht auszulaufen, nach der Rückbeorderung sprangen die Arbeiter den meuternden Matrosen bei. Zusammen übernahmen die Matrosen, Heeressoldaten und Arbeiter die Macht zunächst in Norddeutschland, dann in Berlin und im Reich.

In Bremen wurde der, durch ein Achtklassenwahlrecht kaum demokratisch legitimierte, Senat formell abgelöst und durch einen Arbeiter- und Soldatenrat ersetzt. Zu diesem hatten allerdings nur die in den bremischen Industriebetrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen das Wahlrecht, so das er zwar durch ungefähr die doppelte Anzahl von Wählern legitimiert war, als der stadtaristokratische Senat, aber nur eine kleine Minderheit der bremischen Bevölkerung repräsentierte. Die am 10. Januar 1919 ausgerufene Bremische Räterepublik war nach wenigen Tagen handlungsunfähig, da ihr durch die Banken keinerlei finanzielle Möglichkeiten geboten wurden.

Daraufhin beschloss der Arbeiter- und Soldatenrat für den 9. März 1919 allgemeine Wahlen für eine bremische verfassungsgebende Versammlung abzuhalten. Die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung schlug die mehrheitlich von unabhängigen Sozialdemokraten geführte Räterepublik am 4. Februar 1919 militärisch blutig nieder und beendete damit die Räteherrschaft, bevor diese durch eine auf allgemeine Wahlen gestützte verfassungsgebende Versammlung abgelöst werden konnte.

Die wenigen Monate zwischen dem Ende der Bremischen Städtearistokratie im November 1918 und dem Beginn der auf allgemeinen, freien Wahlen basierenden repräsentativen Demokratie, bedeuten eine einmalige historische Zäsur. Diese Ereignisse, durch die damals die konstitutiven Grundlagen für unseren heutigen Staat gelegt wurden, gehören zu den wichtigsten in der Geschichte der Stadtrepublik Bremen. Aus diesen Gründen ist in Zukunft eine vernetzte und forschende Erinnerungsarbeit kommunaler, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure wünschenswert und erforderlich, um der überragenden Relevanz dieser Ereignisse vor 100 Jahren Rechnung zu tragen.

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