Geiselnahme von Gladbeck

 

Gedenken an die Geiselnahme von Gladbeck


Die Geiselnahme von Gladbeck jährt sich 2018 zum dreißigsten Mal. Im August 1988 erschütterte die Tat, in deren Verlauf drei Menschen ums Leben kamen, die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Bremen war dabei besonderer Schauplatz. Die Geiselgangster kaperten hier einen voll besetzten Linienbus und fuhren mit den Geiseln über mehrere Stunden bis in die Niederlande. Zwei der Businsassen kamen im Laufe der Geiselnahme ums Leben.

Das Gladbecker Geiseldrama steht wie kein anderes Verbrechen für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen. Die Tatsache, dass Reporter so stark in ein Kriminalgeschehen involviert waren und zum Teil Vermittlerfunktionen übernahmen, hat nicht nur Grenzen journalistischer Berichterstattung überschritten, sondern war auch nur möglich, weil Einsatzleitung und Polizeiführung dies zuließen. Dies führte dazu, dass Journalisten am Ende nicht nur Zeugen des Verbrechens waren, sondern auch Instrumente der Geiselnehmer.

Das grenzüberschreitende Verhalten der Presse während der drei Tage rund um das Gladbeckdrama fand seine Konsequenz später in der Verankerung deutlicher Richtlinien im Pressekodex:

Bei der Berichterstattung über Gewalttaten soll die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam abwägen.

Sie soll über die Vorgänge zwar unabhängig und authentisch berichten, sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen lassen.

Und vor allem soll die Presse keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei unternehmen oder gar Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens führen.

Diese Entscheidung war und ist ein wichtiger Meilenstein für verantwortungsvolle Berichterstattung.

Sowohl der Landtag von Nordrhein-Westfalen, als auch die Bremische Bürgerschaft haben 1988 Untersuchungsausschüsse eingesetzt, um die Abläufe der polizeilichen Einsätze im Zuge des Geiseldramas politisch aufzuarbeiten. Zahlreiche organisatorische und individuelle Fehler einzelner Polizisten, erschreckende Führungsmängel, strukturelle Mängel im Stadt- und Polizeiamt sowie ein hohes Maß an Inkompetenz bei einzelnen Führungsbeamten wurden festgestellt.
Dass der Überfall auf eine Filiale einer Bank derart eskalierte, lag zum großen Teil an der erschreckenden Aneinanderreihung von Fehlern beim Polizeieinsatz. Angefangen mit dem ersten Einsatzwagen der Polizei, der direkt vor dem Fenster der Bankfiliale hielt, deutlich sichtbar für die Täter, die sich daraufhin zur Geiselnahme entschlossen, über abgebrochene Schlüssel, Zuständigkeitsprobleme, fehlerhafte Zugriffe, fehlgelaufene Telefonate, eine nicht rechtzeitig einsetzbare Fernbedienung und vielem mehr.
Der Bremer Untersuchungsausschuss „Geiseldrama“ kam in seinem 460 Seiten langen Abschlussbericht zu einer vernichtenden Beurteilung des Einsatzes der Bremer Polizei und der leitenden Beamten rund um den damaligen Polizeiführer. In der Beweisaufnahme hat sich unter anderem ergeben, dass verantwortliche Bremer Polizeibeamte sogar beim Telefonieren gravierende Fehler gemacht haben. Noch eklatanter stellten sich im Abschlussbericht die Fehler des Mobilen Einsatz Kommandos (MEK) dar. Die Spezialtruppe habe „eigenmächtig“ gehandelt und der MEK-Chef habe „ohne genaue Kenntnis der Lage in unverantwortlicher Weise“ in die Einsatzleitung eingegriffen. Der damalige Bremer Innensenator erkannte die daraus resultierende Verantwortung und trat zurück.
Die Bremer Parteien waren sich im Rahmen des Untersuchungsausschusses in den Feststellungen der Vorgänge weitgehend einig, nur hinsichtlich der Konsequenzen gab es unterschiedliche Auffassungen. Letztendlich wurde im Jahr 2001aber der „finale Rettungsschuss“ als  Folge aus den damaligen Ereignissen in das Polizeigesetz aufgenommen.
Auch im Anschluss an das Geiseldrama sind gravierende Fehler passiert, unter denen die Betroffenen und ihre Angehörigen und Hinterbliebenen nach eigener Aussage bis heute leiden. So hat es nach Auffassung der Betroffenen keine oder eine nur unzureichende Betreuung der traumatisierten Geiseln, ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen gegeben.

Die Nachbetreuung der Opfer und Hinterbliebenen des Geiseldramas war sicherlich suboptimal, improvisiert, für die Betroffenen belastend und erscheinen aus heutiger Sicht hilflos. Aus Akten geht hervor, dass der Senat Spendengelder und Landeszuwendungen nach heute nicht mehr nachvollziehbaren Kriterien an einige der Betroffenen ausgekehrt hat. Nach ebenfalls eher zufällig erscheinenden Prozessen soll in einigen Fällen durch die Senatorin für Gesundheit ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe vermittelt worden sein. Die Erfüllung oder Nichterfüllung von Ansprüchen nach dem Opferentschädigungsgesetz wurden in einem längeren bürokratischen, aber vermutlich juristisch korrekten Prozess mit einer einzigen Ausnahme abgelehnt. Senatsseitig wurden die Opfer und Hinterbliebenen dann zu einem „adventlichen Kaffeetrinken“ eingeladen.

Zwar hat die Bremer Polizei nach der erfolgten Aufarbeitung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss ihre Schlüsse dahingehend gezogen, dass in der unmittelbaren Lage auch die Betreuung von Opfern klar als Polizeiaufgabe zu- und ausgewiesen ist. Im Hinblick auf die Nachbetreuung blieb es allerdings beim Rückgriff auf die für den Normalfallbestehenden bestehenden, allerdings seit 30 Jahren ständig ausgebauten Opferschutzstrukturen und der hierin enthaltenen Regelvernetzung zur psychosozialen Notfallversorgung, ohne dass es eine klare definierte zentrale Verantwortung für die Nachsorge von Opfern und Hinterbliebenen bei einem größeren Anfall von Verletzten, Toten, Opfern oder Hinterbliebenen gibt.

Die Notwendigkeit solcher definierten zentraler Nachsorgestrukturen, inklusive der standardisierten Übergabe der Verantwortung für Opfer und Hinterbliebene aus der Gefahrenabwehrlage, beschreibt der „Bundesbeauftragten für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz“ Jahrzehnte nach den Vorfällen, die wir als das Geiseldrama von Gladbeck bezeichnen, als eine notwendige Aufgabe des sozialen Rechtsstaates. Bremen und Deutschland müssen im Interesse von Opfern und Hinterbliebenen die Empfehlungen des Bundesbeauftragten zeitnah umsetzen.

Sowohl die Polizei als auch die Presse haben aus ihren Fehlern gelernt, dennoch lohnt es sich, ein 30 Jahre altes Verbrechen wieder in Erinnerung zu rufen, um den Opfern und deren Angehörigen dauerhaft und angemessen zu gedenken.

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